Keimung, 2. Teil
Weil ich die nächsten Tage unterwegs bin, habe ich die Samen aus Tüte und Papier geholt. Zwei streckten schon ein wenig die Zunge aus der Schale, wirklich auf der sicheren Seite ist man aber erst, wenn ungefähr 5 mm herausschauen. Da ich nun mal nicht da bin, habe ich sie so, wie sie waren, in einen kleinen Topf mit nasser Anzuchterde gelegt, in ein etwa einen halben Zentimeter tiefes Loch, und mit etwas Erde bedeckt.
Schaut der Keimling schon richtig heraus, sollte man den Samen so ins Loch legen, dass das Herausgekommene nach unten zeigt. Waagrecht geht auch, es darf nur nicht nach oben stehen. Der Samen nutzt jetzt seine gespeicherte Energie, um sich an der Schwerkraft auszurichten. Legt man ihn quasi kopfüber ins Loch, kann diese Energie aufgebraucht sein, bevor der Keimling oben ankommt. Wichtig ist außerdem, ihn mit ein paar Krümeln Erde zu bedecken, damit er die Samenhülle unterwegs abstreifen kann. Muss man die später von Hand abpopeln, beschädigt oder zerstört man leicht die darin liegenden Keimblätter, und dann war es das.
Noch einmal mit Wasser einsprühen, Frischhaltefolie drüber, zurück aufs Fensterbrett, und mit etwas Glück ist in ein paar Tagen ein Keimling daraus geworden.
Bis hierher hat der Samen nichts gebraucht außer Wärme, Wasser und feuchter Luft. Daran ändert sich auch nichts, bis man deutlich erkennt, was daraus wird, also Wurzel, Stängel und Keimblätter.
Die Anzuchterde hat bisher nur dazu gedient, dass sich der Keimling an der Schwerkraft orientieren kann, dass also die Wurzel nach unten und der Rest nach oben wächst. Wie die beiden Kollegen oben richtig angemerkt haben, kann man die Samen genauso in Steinwollwürfel, Jiffys, direkt in den Endtopf mit Erde oder was auch immer stecken. Alles, was bis hierhin passiert, passiert über Umwelteinflüsse, also Wärme, Wasser und Luft, und über die im Samen gespeicherte Energie. Das klappt sogar in Blähton mit Wassernebel, ist also völlig unabhängig vom Medium.
Bei guten, frischen Samen kann man das Vorgeplänkel mit Einweichen und Vorkeimen in Papier und Plastiktüte ruhig überspringen. Dann setzt man den Samen gleich in den Becher mit nasser Anzuchterde, etwa 5 mm tief und mit Erde bedeckt, Folie drüber, fertig.
Von Automatiks habe ich keinen Plan, ich würde den Samen aber nicht direkt in stark vorgedüngte Erde setzen, sondern dort ebenfalls ein etwa faustgroßes Loch mit Lightmix oder Anzuchterde anlegen, damit das Pflänzlein keine heftige Überdosis abbekommt, sobald es Nährstoffe aufnehmen kann.
Erst wenn die Keimblätter vollständig entfaltet sind, beginnt die Pflanze vorsichtig mit der Photosynthese und setzt mit ihrem zarten Würzelchen die ersten Nährstoffe um, nämlich wenn sie das erste richtige Blattpaar bildet.
Sobald das Pflänzchen mit aufgeklappten Keimblättern ein Stück aus der Erde schaut, kann die Folie weg. Erhöhte Luftfeuchtigkeit mag es weiterhin, zu viel macht es aber ebenfalls kaputt. Normalerweise reicht das, was aus dem Becher aufsteigt, wenn man die Erde gut feucht und nicht mehr nass hält.
Blattmasse und Wurzel sind noch winzig, deshalb sind zu viel Sonnenlicht, starker Wind oder viele Nährstoffe im Medium erst einmal zu vermeiden! Zu viel Sonne und Wind überfordern den noch schwachen Feuchtigkeitshaushalt, und zu viel Futter im Medium killt die einzige Wurzel, die bisher da ist.
Wenn das alles passt, will die Pflanze recht schnell ein gutes Stück nach oben schießen, also spargeln. Viele Experten führen das auf den Abstand zur Lampe zurück. Ich kann die Sonne aber nicht tiefer hängen, deshalb stelle ich das Pflänzchen ab einer Größe von etwa 2 bis 3 cm in einen leichten! Luftzug am offenen Fenster oder blase es gaaanz leicht! mit dem Venti an. Damit bleibt das Spargeln komplett aus 😉
Bis dahin dauert es wieder ein bisschen, und sobald ich etwas zu dokumentieren habe, geht es hier weiter.
PS: Inzwischen habe ich rund 30 dieser steinalten Samen so behandelt. Eine schöne Pflanze gab es schon vor diesem Bericht, die habe ich bereits weitergegeben. Dazu kommt das mickrige Ding auf dem Bild, die sechs Samen aus dem Papier im Topf unter Frischhaltefolie und noch ein paar in Papier und Tüte. Die Quote ist damit also ziemlich erbärmlich. Dafür, dass die Samen viele Jahre ungekühlt in einer Dose lagen, finde ich es aber schon ein ziemliches Wunder der Natur, dass überhaupt noch etwas herauskam. Zwei Keimlinge habe ich beim Entfernen der Samenschale auch noch gekillt, und einer ist unter der Folie ertrunken :/ Von den etwa 20 bisher gekeimten Samen hätten theoretisch fünf etwas werden können. Nach knapp zehn Jahren Lagerung macht das 20 bis 25 Prozent, echt zäh, das Zeug 😀
[3 Bilder nicht übernommen]